Großmutter

­­Alt ist sie geworden. In den vielen letzten Jahren, in denen ich sie mied, gruben sich die Falten tiefer in ihr Gesicht hinein. Eine Narbe am Kinn ist hinzugekommen, ein zerbrochenes Gebiß, vielfach geflickte Knochen. Die Demenz fraß sich in ihren Alltag hinein; kaum, dass sie in manchem Moment noch weiß, wer vor ihr sitzt, wenn sie ihr Geld zählt. Was seltsamerweise noch immer funktioniert.
Auch heute muß ich sie nicht ertragen, mich mit meiner Schuld auseinandersetzen. Nur leise klingen diese Selbstvorwürfe durch den Lärm brechenden Holzes, diese innere Stimme, die sich erhebt dagegen, dass ich meinen familiären Pflichten nie nachkam. Mich dagegen sträubte, wieder und wieder nach ihr zu schauen, die ja doch nur Alkohol und Geldscheine servierte statt Wärme und Tiefe oder der ein oder anderen Frage nach dem Befinden. Wie egoistisch ich war all die Jahre, wie reich an Ausreden, ihr aus dem Weg zu gehen seit dem letzten Besuch mit Kind und Kegel, zu dem es schimmligen Kuchen gab.

Ich steh in ihrer Wohnung, zerleg Stück für Stück die alte Ost-Schrankwand, dieses falsche Holz voll von saurem Staub und ausklingender Geschichte, ignorier das Drücken der Tränen. Denke an die frühen Jahre in ihrer alten finstern Wohnung an der Himmelsleiter, als diese Stadt, dieses kindliche Leben noch voller Geheimnis war für mich. An das furchterregende Plumpsklo, das kalte Bad, meinen Onkel Otto, dürr und von brummiger Freundlichkeit, der seine rutschenden Hemdsärmel immer festschnallte, wenn er nach dem angesetzten Wein schaute und Zauberkunststücke vollbrachte zwischen den unzähligen Zigaretten, die ihn Jahrzehnte vor Großmutter zu Grabe trugen.

Uringeruch weht herüber aus dem Schlafzimmer und verteilt sich in allen Winkeln nie gepflegten Neubaudaseins. Im Stundentakt zerfällt Großmutters einstiges Leben in eine sperrige Containerladung Bruchholz, in Staub- und Fleckenfelder, während sie im Heim auf der andern Straßenseite den Rest zerfallenden Lebens zu verstehen versucht inmitten tattriger, schweigsamer, geifernder Greise, die nur noch zu warten scheinen auf Familienbesuche, Erlösung, Ausklang, Lebensende. Auf das Licht, den ewigen Frieden, die Ruhe dort draußen, weit hinterm Horizont.

Und wir? Ackern weiter, spüren eine Ahnung Gänsehaut ob des schleichenden Sterbens. Ob des Willens, hier und jetzt, wo die Hundertermarke immer näher rutscht, nicht mehr leben zu wollen, nichts mehr wissen zu wollen, im endlos schleifenden Einerlei Stille zu finden. Im Sarge weich gebettet besungen und kühlem Erdschlund entgegengetragen zu werden. Nach letzter Tränenflut in Erinnerungen auszufasern, die das Schlechte aussortieren und hochstelln all die schönen Momente.

Tomas Jungbluth


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