Sonderling

­ Wasser schleicht den weißen Fluß hinab, träge wie die Mast des grauen Himmels. Freundes Krähenfüße in meinen Gedanken erinnern mich, umschließen mich, verbinden mich. Der Zug zieht seine Bahn über schweißigen Stahl, dessen Werker längst gekündigt an der Flasche hängen. Bäume ziehn vorbei, ziehn Streifen, wischen über äsendes Wild hinweg. Ich folge ihnen, schaue ihnen nach, spüre ein Ziehen in meinem Hals. Wie Geäst im Spiegel des Flusses taucht ein Augenpaar vor meinem inneren Auge auf, fremdvertraut erkenne ich es im Blick des Kindes im Abteil nebenan wieder, welches Mutters Grenzen sprengen will und schreit, als gäbs keinen Zucker mehr. Wie wundervoll die Bäume unterdessen, deren vielfingriges Holz sich dem Himmel entgegenrankt, in kleinsten Knospen aufzusprengen. Das Lichtgewebe dazwischen.
Der Zug hält an grasnarbigem Bahnsteig, ich springe ab, will frei sein, nestele an meinem Rucksack herum, irgendwo hier draußen in der Fremde ländlicher Gegend. Laufe diesem alten Campingwagen auf wildernder Parzelle entgegen, diesem längst gelebten Vehikel, noch immer beheftet vom Plastikschriftzug „Intercamp“, moosschwarz und bekeimt von wildem Gras und Birkensamen. Fauliger Geruch verfallender Äpfel auf dem Dach, sturer alter Schweiß voll Charakter aus dem Flanell des alten Mannes. Der mich aus meinen Träumen holt, anspricht mit selten stiller Stimme. Da drinnen hausend sein Leben absondert vom Schwärmen müder Massen, in die Pfeife pafft, wieder und wieder süßlich knisternd. Immer neue Textformen tippt ins Klackern seines Laptops, welches schwimmt auf den Stapeln von Skripten, Aschenbechern, Tellern, Datenträgern. Umklirrt von Noise aus fernen Radiostationen.
Nicht fremd sein mürrisches Raunen, hinein in seinen breitwuchernden Vollbart, nur anders, neu. Für mich, der ich hier sitze neben ihm, umgeben von aufgehängten Wäschestücken, Veranstaltungsplakaten aus zerfallenen Jahrhunderten, ausgestopften Kampfhähnen, Gasmasken aus dem zweiten Weltkrieg, seltsam wortbespielten Schallplatten aus Welten, die hinter fallenden Mauern verschwanden. Er bietet mir Codein an, während seine angekommenes Gemüt, seine Stimme warmläuft. Die, erst heiser, von all diesen verrückten Dingen erzählt, die ihm immer wieder passieren, wenn er Lesungen gibt, voll von Freunden kippleicht entspurter Prosa, kampfesfaustgeballten Aufrufen, Sondierungen im Nebel schattenfeuchten Alltags.
Was für ein Leben, denke ich, während ich ihn zu verstehen versuche, seine Mimik und Gestik in all diesen Schubladen nicht unter bekomme, deren Last meine Schultern schon beugt. Nichts passt zu meinen Bildern und doch so wunderbar zusammen.
Während es einfährt, das Codein, mich in wattigen Frieden packt, redet er von seiner Frau, von der Wucht ihrer Schläge, davon, wie hart und spitz Damenschuhe sich in Haut und Seele bohren können. Bebildert mir die Häme entmenschter Beamter, richterlichen Gleichmut. Seine beiden Kinder, die ihm für immer genommen wurden. Vom Klageweg, hinter dessen teuren Schreibtischen Verantwortung tagtäglich neu modelliert wird. Von seiner Definition von Gott, Kanälen des Weiterlebens, bespeist mit Kraft, die sich von Verlust ernährt. Vom Morgen, nicht dem großen in der Zukunft, sondern diesem kleinen, welchen er alltäglich in sich aufnimmt mit dem Rauschen des Windes im Obstgehölz, dem Vogelsingsang, dem wehenden Haar des Friedens, welches schimmert wie die Stimme seines Kindes, damals, als es auf die Welt kam. Als alles noch so offen war wie die Kammern seines Herzens. Wie sein Blick hinter sperrigem Horngestell, dieser Sog aus klarer Iris und nachtschwarzer Pupille.

Tomas Jungbluth


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