Gezeiten

­ Die Kopfhaare werden dünn, während die Haare seiner Augenlider, seiner Nase, seiner Ohren wild wuchern. Krumm wird sein Schatten. Sein Gesicht zerfließt in Falten, die Haut wird fahl und weich. Er wird immer stiller, schweigt bald nur noch, röchelt, stirbt. Seine Seele strebt ins ewige Licht, er wird beweint, begraben, vergessen. Sein Körper gerinnt zu Madenfraß, zerfällt zu Humus.
Stürme und Gezeiten fegen über den Friedhof hinweg, Samen krallen sich in den Boden, schlagen Keime, Wurzeln, sturmesschweres Geäst. Alt wir der Baum auch und schwach, Käfer bohren sich in seine Rinde, durchnagen Kanäle, rauben ihm die letzte Kraft. Noch einmal durchstürmt, bricht der einstige Riese. Sein Korpus fällt zu Boden, wird zu Aas, modert, gibt neuem Boden Nahrung.
Samen seiner einst so starken Frucht gedeihen prächtig, zieren das Gehölz einer Musterschonung, schießen in die Höhe. Auserwählt von Fabrikanten, fallen die strammen Stämme, werden, von stählernen Greifern erfasst, durch Werktore gefahren, geschält, zertrennt und geschnitten. In endlose Blöcke Papiers umgewandelt, verkauft in aller Herren Länder.

Irgendwo fällt einem Manne am Abend seines Lebens dieser Block auf, er kauft ihn, legt ihn in die Schublade seines alten Schreibtischs. Manchmal macht er Notizen, manchmal kritzelt er zum ein oder anderen Telefonat auf seine leeren Blätter, manchmal schreibt er Sinnsprüche auf, die er, welk und müd im Sessel sitzend, zusammenknüllt, auf dass deren Sinn, deren Gehalt, deren Energie einst einer andern Seele zufliegen mögen. So stopft er seine Pfeife, macht einen genüsslich kalten Zug, greift zum Feuerzeug, erfreut sich am Knistern darin. Greift sich eines dieser zerknüllten Papiere, zündet es an, legts in den schweren Ascher. Schaut zu, wie gelbe und blassblaue Flammen daran züngeln, es schwärzen und zu Asche zerfallen lassen.

Vielleicht lüftet er abends noch das Zimmer, bevor er sich ins Bett legt, seinen letzten Schlaf zu schlafen. Vielleicht fährt ein Windzug in die Rester des einst stolzen Baums, aufzuwirbeln die Ascherester, sie mitzureißen in den ewigen Staubmantel dieser Erde. Vielleicht fällt ein Teil dieser Asche auf naher Lichtung nieder, einzugehen in den kühlen Wiesengrund. Vielleicht fällt ein Samen darauf, der dem Licht entgegensprießt, dessen Sprossen nicht im hungrigen Maul eines jungen Reh..s verschwinden. Zu erwachsen zur Stärke seiner Ahnen, Wanderern Schatten zu spenden, jahrein, jahraus sein Kleid zu wandeln, mal hunderttausendblättrig, mal graubraun, nackt und leer. Und manchmal mit dem Wind zu flüstern, alte Sagen auszutauschen, deren Gehör, so heißt es, nur jene alten Männer finden, denen die Haare aus den Ohren sprießen. 

Tomas Jungbluth


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